Mich hat der Schlag getroffen – Über Schicksal und den entscheidenden Millimeter Distanz

Ich hatte einen Schlaganfall. Beim ersten Aussprechen hat mich dieser Satz zum Weinen gebracht, inzwischen hinterlässt er mich nur noch ratlos. Ich hatte einen Schlaganfall. Wer ist dieses ich? Wer hat da überlebt? Ich stehe staunend vor diesem Ereignis und all mein Wissen über Integration und Trauma schaut mit mir darauf und das Einzige, das kommt ist eine große Stille. Eine Rat- und Fassungslosigkeit, die ganz ruhig einfach da ist.

Wie bei anderen einschneidenden Ereignissen (besonders gesundheitlichen) auch, erhalte ich den Rat, die Frage, die Aufforderung, zu schauen, was mir das sagen möchte, wo in meinem Leben sich etwas staut, wo ich etwas festhalte oder noch nicht ganz integriert habe. Und wie schon vorher, machen mich diese wohlmeinenden Kommentare nur hilflos und wütend. Denn da ist nichts, das ich mit diesem Ereignis anfangen kann. Mich hat der Schlag getroffen, einfach so. Und damit gilt es nun zu leben.

Im Deutschen haben wir das schöne Wort Schicksalsschlag, das Schicksal schlägt zu oder hat zugeschlagen. Nun auch mal wieder bei mir, wobei ich, verglichen mit anderen Schlaganfallpatienten mehr als glimpflich davongekommen bin, ich habe keinerlei Symptome. Nur die große Angst, es könnte wieder passieren, und ich könnte beim nächsten Mal nicht so viel Glück haben.

Denn das war es: Glück! Und so wie ich für einen Schicksalsschlag keine Verantwortung trage, ich ihn weder verhindern noch herbeiführen kann, ist auch meine Gesundheit danach einfach Glück. Sie ist eine Gnade, die mir gewährt wurde. Ich konnte sie weder machen noch verdienen.

So wenig wie ich einen weiteren Schlaganfall verhindern kann indem ich jetzt die Ratschläge befolge und loslasse, aufräume oder gar integriere. Auch all das kann ich nicht machen, sondern nur geschehen lassen. Ja, ich kann meine Medikamente nehmen, mich bewegen, auf mein Leben schauen und mich von dem, was ich sehe, berühren lassen. Aber ob mich das vor weiterem Unheil bewahrt? Ich weiß es nicht.

Das ist eine der großen Paradoxien in unserer Arbeit: Wir sprechen über Integration, laden ein, zu schauen, sich zu konfrontieren, Schmerzen zuzulassen, und weisen gleichzeitig immer wieder darauf hin, dass, wie Wilfried Nelles so schön sagt: „Das Leben geschieht.“.

Dieser Schlag in mein Hirn, fordert mich auf, diesen Satz ganz zu mir zu nehmen und dort entwickelt er eine Wucht, die mich atemlos macht. Mich in eine Ohnmacht wirft. Weil ich spüre, dass es stimmt, das Leben geschieht, wir sind der Gnade überlassen. Da gibt es nichts zu verdienen oder zu verspielen. Nichts, das ich kontrollieren könnte. Darin liegt etwas kaum Auszuhaltendes – und zugleich etwas ungeheuer Entlastendes.

Ich kann nichts tun, also muss ich auch nichts tun. Lediglich Ich sein, mein Leben leben, nicht mehr und nicht weniger. Was für eine Erleichterung.

Eine Erleichterung, die ich deutlich spüre. Ich konnte nichts tun, um diesen Schlag zu verhindern. Ich kann nichts tun, lediglich schauen. Doch genau dieses Schauen auf mich, meine Angst, meine Freude oder was auch immer kommt, ist zentral. Es bringt diesen Millimeter zwischen mich und meine Gefühle, Impulse, der verhindert, dass ich verloren gehe in ihnen. Besagter Millimeter erlaubt mir, das was in mir passiert, geschehen zu lassen, es weder zu unterdrücken noch hineinzufallen. Sondern fast schon mit einer gewissen Nüchternheit darauf zu schauen, ohne Drama, aber mit Anteilnahme. Für diesen Millimeter bin ich dankbar, er allein ist all die Auseinandersetzung mit mir, meinen Schatten und wie wir das sonst noch nennen wollen, wert.

So blicke ich nun auf meine Angst, die Enge, die sie produziert und kann ihr zustimmen. Ja, diese Angst darf sein, sie gehört zu mir. Und ich bin mehr als meine Angst. Ich gehe nicht verloren in ihr.

Vielleicht ist das alles, worum es im Leben geht. Nicht alles zu integrieren. Nicht das Leben kontrollieren zu können. Sondern da zu sein für das, was geschieht, nicht darin unterzugehen. Heil zu werden mit all den bleibenden Wunden und Rissen und zu wissen: Ich habe überlebt. Das ist mein Leben.

Anne Petersen

 

Mich hat der Schlag getroffen – Über Schicksal und den entscheidenden Millimeter Distanz