
Ein paar Gedanken zu Führung und Hingabe – und was Hannah Arendt mit unserer Arbeit zu tun hat
Ich habe Angst. Nicht immer, aber oft. Angst, dass etwas schiefgeht. Dass ich etwas falsch mache. Dass die anderen merken, dass ich nicht weiss, wie es weitergeht. Dieses leise Zittern hinter der Fassade. Dieses »Hoffentlich merkt keiner, dass ich nur so tue«. Dieses ständige Kontrollieren, Planen, Absichern – damit ja nichts passiert, was ich nicht im Griff habe.
Und trotzdem passiert es dauernd. Die Menschen um uns herum machen, was sie wollen. Die Beziehung entwickelt sich anders als erhofft. Der Berufsweg nimmt eine Wendung, die ich nicht vorgesehen hatte. Das Leben geschieht – meist anders als geplant.
Immer wieder stellt sich mir die Frage: Wie halte ich das aus? Diese Unkontrollierbarkeit? Ohne verrückt zu werden. Ohne immer enger, immer kontrollierender, immer verbissener zu werden.
Leben im freien Fall heisst vielleicht genau das: Die Erfahrung machen, dass Kontrollieren nicht trägt. Dass etwas anderes beginnt, wenn ich zulasse.
Leben und Arbeit lehren mich: Solange ich versuche, alles im Griff zu haben, bin ich vor allem mit mir selbst beschäftigt. Mit meiner Angst. Mit meinem Bild, wie es sein sollte. Führen und Hingabe sind Schritte hinaus aus der eigenen Angst. Schritte ins Ungewisse.
Die kluge, wunderbare Hannah Arendt, eine der schärfsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts, hat das gewusst. Sie hatte verstanden, was Handeln und somit Leben bedeutet. Ihr Befund: Frei leben können wir nur, wenn wir die Kontrolle aufgeben.
Handeln oder Leben heisst: etwas beginnen, ohne das Ende zu kennen. Ich kann nicht berechnen, was meine Worte auslösen. Ich kann nicht planen, wie mein Gegenüber reagiert. Ich kann nur anfangen und dann geschehen lassen, was geschieht.
Das ist beängstigend. Aber es ist auch befreiend.
Denn es bedeutet: Ich muss nicht alles können. Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nur den ersten Schritt tun. Den Mund aufmachen. Mich zeigen. Das bedeutet: Ich bin angreifbar. Ich kann scheitern. Ich kann falschliegen. Vielleicht lachen sie über mich. Vielleicht wollen sie nicht, was ich will. Sich zeigen ist ein Wagnis.
Ein Gedanke von Hannah Arendt, für mich fast der schönste, gibt mir den Mut dazu. Sie sagt: Jeder Mensch ist ein Anfang. Weil wir geboren sind, tragen wir die Fähigkeit in uns, etwas Neues zu beginnen. Immer wieder. Auch heute. Auch morgen.
Das nimmt den Druck raus. Ich muss nicht die ganze Welt retten. Ich muss nicht perfekt sein. Ich muss nur anfangen. Und vertrauen, dass das Leben weitermacht – auch wenn ich Fehler mache.
So meint Führen: Mir und anderen zutrauen, dass wir anfangen können. Dass wir unseren Weg finden. Dass wir mehr sind als Werkzeuge für irgendwelche Pläne. Den ersten Schritt tun. Den Anruf machen, vor dem ich mich fürchte. Das Gespräch suchen, das unangenehm wird. Mich zeigen – mit meiner Unsicherheit, meiner Angst, meinem Nichtwissen.
Hingabe bedeutet dann: Sich dem überlassen, was kommt. Nicht resigniert, sondern vertrauensvoll. Akzeptieren, dass es jetzt anders kommt. Dass ich müde bin. Dass der Tag voll war. Dass ich genug getan habe. Im Wissen: Ich habe angefangen. Jetzt darf das Leben weitermachen.
Vielleicht treffen sich Führen und Hingabe genau da: in der Erlaubnis, Mensch zu sein. Nicht alles zu können. Aber immer wieder anzufangen.






