Dieses Zitat Franz Kafkas stammt aus einem seiner Briefe an Oskar Pollak aus dem Jahr 1904. Er schreibt dort: „Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.“

Franz Kafka (1883 bis 1924)
Franz Kafka spricht mir mit diesem Text aus der Seele. Alles in mir ruft: „Ja. Genau das!“ Und das gilt nicht nur für Bücher. Es gilt für unser gesamtes In-der-Welt-Sein, unserem ganzen Der-Welt-Begegnen.
Ja, eine Axt kann verletzen. Sie kann schneiden, aufreißen, Wunden schlagen. Und genau das sollen Bücher, Gedanken, Erkenntnisse, Begegnungen auch manchmal. Wofür sonst sollten wir lesen, denken, fragen, uns einlassen – wenn nicht, um das Gefrorene in uns zu treffen? Polierte Eisflächen sind tot. Wissen, das nicht erschüttert, ist tot. Gewissheiten, die nicht infrage gestellt werden, werden grausam.
Gut und Böse. Richtig und falsch. Wir brauchen diese Unterscheidungen – und wir müssen sie immer wieder zerschlagen. Denn kaum etwas hat mehr Leid hervorgebracht als die Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen. Inquisition, Kolonialismus, Faschismus, Sozialismus – sie alle begannen mit einer guten Botschaft. Mit dem festen Wissen, das Richtige zu wollen.
Dafür braucht es die Axt. Um dieses Wissen zu erschüttern. Diese Axt richtet sich nicht gegen andere. Sondern gegen das gefrorene Meer in uns. Gegen das Selbstgefällige. Gegen das bequeme „Ich weiß“.
Warum schreibe ich das? Warum berührt mich dieser Text von Kafka so tief? Vielleicht weil ich so ratlos bin. Ich schaue auf eine laute, wissende Welt und es gruselt mich. Gruselt mich angesichts der Bereitschaft auszugrenzen, Begriffe wie „Kontaktschuld“ zu gebrauchen, die eigene Gewissheit als Schwert gegen den Anderen zu verwenden und sich eine Blase zu bauen, die nichts mehr in Frage stellt. Mich gruseln all die Antworten, die mir begegnen. All das Wissen, das unerschütterlich scheint. All die Sicherheiten, die nicht mehr zittern.
Mich gruselt eine Welt, in der man sich vor den Zumutungen des Lebens hinter Triggerwarnungen verschanzt, um mögliche Irritationen zu verhindern.
Ein zentraler Begriff in unserer Arbeit, unserem Denken ist der Begriff des Erwachsenseins. Für mich heißt das: diesen Schmerz der splitternden Bilder auszuhalten. Ihn nicht zu vermeiden, sondern aufzusuchen. Mich berühren zu lassen von dem, was mich verunsichert.
Darum liebe ich diese Arbeit so, sie konfrontiert mich immer wieder, mit dem was ist, dem Leben, wie es sich zeigt, in all seiner Großartigkeit und in all seiner Rauheit. Der Lebensintegrationsprozess ist keine Technik zur Lösung von Problemen. Sie ist kein Reparaturbetrieb und kein Wohlfühlraum. Sie ist ein Ort, an dem nichts glattgebügelt wird. Sie ist ein Raum, in dem sich zeigt, was unter dem Eis liegt – auch wenn es weh tut. Auch wenn es meine Bilder von mir selbst infrage stellt. Aufstellungen sind für mich Äxte. Nicht, um etwas zu zerstören, sondern um unsere Lebendigkeit freizulegen.
Das Leben miteinander darf weh tun, es darf Wunden schlagen. Wenn es das nie tut, ist es kein Leben.
Der Schongang darf enden.







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