Alles ist Samenkorn – warum Zerstörung nicht das Ende ist

Alles ist Samenkorn.

Ein Gedanke von Novalis über den ewigen Tanz von Werden und Vergehen

Drei Worte nur. Und doch tragen sie eine Radikalität in sich, die unser gesamtes Weltbild auf den Kopf stellen könnte, wenn wir sie wirklich ernst nehmen würden. Novalis, der Dichter der Frühromantik, schenkt uns mit diesem Satz mehr als nur eine poetische Metapher. Er schenkt uns eine Sicht aufs Leben, die zugleich erschütternd und tröstend ist. Alles, was geschieht, jedes Zerbrechen, jedes Scheitern, jeder Abschied wird zu einem Samen für Neues. Nichts stirbt ganz und nichts ist je vergebens.

Stimmt das?

Zerstörung ist nie total

Wir tun uns schwer mit dem Wort Zerstörung. Wir sagen, etwas habe „sich überlebt“ oder sei „überholt“. Wir umschiffen und verharmlosen die Härte des Begriffs, als könnten wir die Sache selbst damit entschärfen.

Dabei ist Zerstörung immer Grundlage für neues Leben, auch bei uns Menschen. Die Zelle muss platzen, damit neues Leben wachsen kann. Die Schwangerschaft im Mutterleib dauert neun Monate. Dann muss sie vorbei sein – sonst sterben Mutter und Kind. Die Kindheit muss enden, damit die Jugend beginnen kann. Die Pubertät zerstört das kindliche Bewusstsein – erst dadurch kann der Erwachsene entstehen. Und der Erwachsene wird eines Tages loslassen müssen, damit das, was in ihm Samen war, weitergegeben werden kann.

Die Frucht muss fallen und vergehen, damit der Same freigelegt wird. Zerstörung ist nie total, denn in jeder Zerstörung liegt bereits der Keim des Neuen verborgen. Wir leben auf den Trümmern dessen, was hinter uns liegt. Alles ist zugleich Frucht und Ursprung. Alles, was ist, trägt den Tod in sich – und genau darin liegt seine Verheißung.

Goethes Mephisto spricht:

„Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Das sogenannte Böse, das Zerstörerische, ist nicht selten der Grund, warum etwas Neues überhaupt erst möglich wird. Und umgekehrt: Manches, was wie ein Segen erscheint, trägt den Keim des Untergangs in sich. Gut und Böse beginnen zu verschwimmen, wenn wir auf das Samenkorn schauen.

Und das Dazwischen?

Es gibt keine sanften Übergänge. Wenn etwas endet, eine Beziehung, eine Lebensphase, eine berufliche Tätigkeit, dann reißt es ein Loch. Wir fallen in eine Leere. Das Alte ist weg, das Neue zeigt sich noch nicht. Die Kirchenväter nannten dies die „Wüstenerfahrung“. Alles fühlt sich trocken an, perspektivenlos und hoffnungslos.

In dieser Wüste geschieht scheinbar nichts. Genau das ist die Geduldsprobe. Der Samen, der in der Erde liegt, zeigt sich nicht. Er keimt erst, wenn er gewässert wird. Das Wasser, das ihn zum Keimen bringt, sind unsere Tränen, der Schmerz, den wir nicht überspringen dürfen. Es ist die Trauer, die wir fühlen müssen, bevor wir wirklich neu anfangen können.

Nach einem Verlust sofort die Chance wittern und das Positive sehen, weicht aus. Der berechtigte Schmerz soll nicht gespürt werden. Und der Samen bleibt trocken und hart. Erst wenn der Verlust mit allem, was er bedeutet, ganz in uns hineingefallen ist – erst dann beginnt die neue Bewegung. Der Samen quillt, keimt, wächst. Und irgendwann später, zeigt sich eine Blüte.

 In Verbindung zu unseren Ahnen

Der Satz von Novalis ist tröstlich. Nichts ist je vergebens – weder in unserem eigenen Leben noch in dem unserer Vorfahren.

Unsere Väter, unsere Mütter leben auf eine geheimnisvolle Weise in uns weiter. Nicht nur in den Genen, nicht nur in den erlernten Verhaltensweisen, sondern in einer Tiefe, die sich der Sprache entzieht. Es geht noch weiter. Sämtliche Frauen und Männer, die uns voraus gingen, all ihre Erfahrungen, ihre Freuden, ihre Niederlagen sind in uns eingegangen. Alles hat sich zu Samenkörnern zusammengezogen und wartet in uns auf seine Zeit.

Wir sind wandelnde Friedhöfe und zugleich blühende Gärten. In uns vereint sich, was war und ist angelegt, was sein wird.

 Wir tanzen den Tanz, den wir sind

Aus diesem Tanz aus Werden und Vergehen können wir nicht aussteigen.

Wir tanzen nicht nur, wir sind dieser Tanz. Unser Körper ist Werden und Vergehen. Jede Zelle stirbt und wird neu geboren. Unser Leben ist Werden und Vergehen. Jede Phase löst die vorherige ab. Unser Fühlen ist Werden und Vergehen. Jede Emotion kommt und geht wie eine Welle.

Alles, was in unserem Leben vorbei ist, lebt in der Tiefe in uns weiter. Es ist nicht verschwunden. Es hat sich nur verwandelt.

 Eine Einladung

Vielleicht ist dies der tiefste Trost, den uns der Gedanke von Novalis schenken kann:

Nichts stirbt.  Alles, was geschieht, zieht sich zusammen zu einem Samenkorn. Und der Samen wartet auf Wasser, auf Erde und auf seine Zeit. Was für ein ermutigender Blickwinkel auf das Leben, auf die Natur und auf uns Menschen. Ein ewiges Sich-zusammenziehen und wieder ausdehnen. Anfang und Ende fallen zusammen. Jedes Ende einer Form wird zu einer neuen, noch unbekannten Form.  Wir sind umgeben von unsichtbaren Gärten. In jeder Narbe blüht etwas, das wir noch nicht sehen können. In jedem Verlust reift eine Frucht, die wir noch nicht schmecken.

Therapeutisch gesprochen muss, bevor wir uns auf die Suche nach einer Lösung machen, der Verlust, das Vergehen, beklagt werden. Altes muss und darf untergehen, auch wenn es schmerzt. Erst dann kann Neues entstehen. Das alles ist ein wuchtiger und anspruchsvoller Prozess, der unsere geheime Hoffnung auf sanfte Transformation, sei es persönlich, in der Familie oder in der Politik, zur Illusion werden lässt.

Autor: Ruedi Eggerschwiler

Alles ist Samenkorn – warum Zerstörung nicht das Ende ist