
„Der Mensch ist nicht frei, weil er einen freien Willen hätte, sondern weil er selbst der Anfang ist.“ Hannah Arendt
Dieses Zitat und ein Wort im Gespräch mit einer Freundin haben mich heute erwischt. Milde, dieses kleine, altmodische Wort, brachte meine Freundin Katharina zum Morgentee mit. Und es hat mich nicht mehr losgelassen.
Als Menschen, als Gesellschaft ist Milde im Umgang miteinander so nötig. Für mich bedeutet das nicht, sich gegenseitig zu schonen.
Nein, es bedeutet, uns in unserer Menschlichkeit, in unserer Fehlbarkeit zu sehen und zu lassen. Unser permanentes Anfängersein auszuhalten. Uns zu ermutigen, aufzustehen, immer und immer wieder.
Für mich heisst das vor allem, im Kontakt bleiben, Türen offenhalten, den Geist nicht engen, sondern sich weiten lassen. Es heisst, niemanden ausschliessen, miteinander streiten, wenn nötig mit harten Bandagen.
Ausschluss, das war früher schlimmer als die Todesstrafe. In Gemeinschaften, die jemanden verstossen, war der Tod oft nur eine Frage der Zeit. Und heute? Heute schliessen wir aus mit Worten. Mit Schweigen. Mit dem erhobenen Finger. Mit Petitionen, die andere zum Verstummen bringen sollen.
Wenn ich lese, dass hunderte Kulturschaffende (Welche Kultur schaffen diese Menschen? Nicht meine.) Alice Schwarzer zum Schweigen bringen wollten, oder wenn Buchhandlungen wegen ihres Programms vom deutschen Buchhandelspreis ausgeschlossen werden, hinterlässt mich das sprachlos. Das ist einfach gnadenlos und zeugt von einer Enge im Geiste, die mich beim Zuschauen atemlos macht. Das ist das Gegenteil von Freiheit, das ist Gegenteil von Milde.
Das andere im Andern auszuhalten, Denken ohne Grenzen, auch ohne Ausgrenzen, das ist die Herausforderung. Und da kommt Hannah Arendt ins Spiel. Freiheit – ich weiss mit diesem Begriff in seiner Abstraktheit nicht viel anzufangen. Aber anfangen, das kenn ich, und ich weiss: Das macht frei. Dafür braucht es Milde, um uns unsere Anfänge, unser Anfängersein, unsere Fehler zu erlauben.
Milde bedeutet für mich, Verantwortung zu tragen für eine Welt, die nicht ausschliesst, auch wenn es anstrengend ist. Bedeutet Menschlichkeit in ihrer grundlegendsten Form. Und manchmal kann Milde, ähnlich der Liebe, ein Schwert sein, entschieden und kompromisslos. Im Bemühen, die Türen offenzuhalten.
Damit der Frühling immer wieder Einzug halten kann. Denn darum geht es: Frühling sein in einer Welt, die so viel Winter hat.






