Der Lebensintegrationsprozess oder das Wachstum im Bewusstsein

Der Lebensintegrationsprozess oder das Wachstum im Bewusstsein

Eine Reflexion von Sereina Heim, Teilnehmerin Ausbildung Hauptstufe

Ich habe den Lebensintegrationsprozess (LIP) im Frühsommer 2019 bei einem Seminar mit Wilfried Nelles kennengelernt. Der erste Satz, den Wilfried zu mir gesagt hatte, war: «Ich durchschaue dich. Du hast Angst vor deiner eigenen Grösse.» Peng. Das hat gesessen. Es hat mich im ersten Moment überrascht. Oder sagen wir: Mein Verstand war überrascht, vielleicht auch etwas überrumpelt. Ein anderer Teil von mir wusste sofort, dass das stimmt. Um zu verstehen, warum mein Verstand überrumpelt war, muss man meinen Werdegang kennen.

Ich habe während meines Studiums der Erziehungswissenschaften entdeckt, dass ich eine hohe Wahrnehmungsfähigkeit habe und die Gabe, Menschen durch Berührung Linderung bei emotionalen und körperlichen Beschwerden ermöglichen zu können. Als ich 24 Jahre alt war und begonnen habe, mich mit Spiritualität zu befassen, schenkte mir das Leben die Chance, bei einem befreundeten Naturheilpraktiker als «Assistentin» in seiner Praxis mitzuwirken. Innert kürzester Zeit hatte ich eigene Klienten, einen eigenen Praxisraum und schliesslich eine eigene Firma. Ich war selbständige Beraterin lange bevor mein Studium zu Ende war. Von Anfang an lief meine Praxis sehr gut und ich bin nun seit bald 15 Jahren therapeutisch tätig.

Kurz gesagt: Ich musste in meinem Beruf Grösse zeigen, bevor ich diese Grösse selber spüren konnte. Das Leben hat mir eine innere Grösse abverlangt, bevor ich sie bewusst in mir entwickeln konnte. Sie hatte einfach da zu sein. Meine Klienten brauchten schliesslich Unterstützung, Führung und Hilfe (davon war ich lange überzeugt…). Ich habe meinen Beruf immer mit Herzblut ausgeführt, gleichzeitig hatte ich ständig gegen Anzeichen einer Erschöpfung zu kämpfen, die ich zwar mit meiner Arbeit in Verbindung brachte und doch nie ganz entschlüsseln konnte, was genau mir die Energie raubt. Obwohl ich doch mit Energien arbeite…

Nach dem ersten LIP-Seminar bei Wilfried wusste ich, dass ich mich vertieft mit dem Lebensintegrationsprozess befassen möchte und bin inzwischen Teilnehmerin der Hauptstufe des Nelles Instituts Schweiz. Wenn mich jemand fragt, was das denn für eine Weiterbildung sei, sage ich jeweils, der LIP zeige auf, in welcher Beziehung man zu sich selbst und seinen vergangenen Lebensphasen steht und helfe, das Vergangene zu integrieren, so wie es gewesen ist, damit man innerlich ganz im Jetzt sein kann. Je länger ich über den LIP nachdenke und je mehr Aufstellungen ich miterlebe umso klarer wird mir: Der LIP ist ein Wachstumsprozess. Wobei es nicht darum geht, vom Jetzt aus in die Zukunft hinaus zu wachsen, sondern innerlich in das Jetzt hinein zu wachsen.

Es ist ein Wachstum im Bewusstsein, das mich zu dem macht, was ich bin. Aber eben nicht als leere Hülle, die irgendwie versucht, mit dem Leben klar zu kommen. Es ist ein Wachstum in die eigene Grösse hinein, die immer schon da gewesen ist. Die ich aber nicht als solche fühlen konnte. In meinem Fall gelang es mir durchaus, nach aussen die geforderte Grösse aufzubringen und darzustellen. Meine Klienten haben mich immer als Leuchtturm empfunden, selbst als sie an der Türe noch erschraken und ausriefen: «Oh Gott, Sie sind ja noch so jung!»

Bloss ich empfand diese Grösse als Gerüst, welches sich quasi um mich herum gebildet hatte und dem ich entsprechen musste um meine Aufgabe zu erfüllen. Erst im letzten Jahr habe ich gespürt, wie in mir drin etwas nachgeholt werden konnte, wofür ich im Strudel der letzten Jahre keine Zeit gehabt habe. Ich bin innerlich gewachsen in dem ich auf das geschaut habe, was gewesen ist und auf einmal war da kein Gerüst mehr, sondern einfach Ich. Und die Erschöpfung hat abgenommen. Nun kann man sich fragen, warum ich denn Angst vor der eigenen Grösse hatte? Weil ich sie noch nicht als innerlich gewachsene Kraft spüren konnte, sondern bloss als Forderung des Lebens wahrgenommen habe. Das hat mich geschwächt. Jetzt bin ich dabei, in meine Grösse hinein zu wachsen und siehe da: Die Angst ist weg.

Sereina Heim

 

 

 

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